Was hat der 19-jährige muslimische Jugendliche mit drei jüngeren Schwestern, aufgewachsen bei seinen türkischen Eltern in Duisburg-Marxloh, mit einem arbeitslosen 21-jährigen Hauptschüler mit Heimerfahrung aus einem Dorf im Spreewald gemeinsam? Gewiss nicht die Ideologie. Und doch gibt es auffällige Ähnlichkeiten, was Umfeld und Sozialisation der jugendlichen Gewalttäter angeht, mit denen wir arbeiten. Gewalt, Missachtung, Vorurteile und Diskriminierung sind fast immer der rote Faden, der sich schon früh und meist dauerhaft fast ausnahmslos durch das Leben aller Jugendlicher zieht. Das Umfeld, in dem sie aufwachsen - ob traditionelle Großfamilie oder dysfunktionale Scheidungs- oder Trennungsfamilie - ist meist so bildungsfern wie gewaltbesetzt. Die Cliquen, in denen sie sich bewegen, beherrschen hypermaskuline Männlichkeitsbilder und Feindbilddenken. Die Überbewertung „männlicher Ehre“ geht Hand in Hand mit der grundsätzlichen Ablehnung der Demokratie und institutionalisierter Konfliktbearbeitung. Wo Toleranz gegenüber anderen und gewaltfreie Konfliktlösung nicht nur fremd, sondern innerhalb der jeweiligen Clique geradezu verpönt sind, fallen menschenverachtende Ideologien - Rechtsextremismus wie Islamextremismus - auf fruchtbaren Boden. Und so geht es in der Arbeit von Violence Prevention Network vordringlich zunächst darum, den Jugendlichen ein Verständnis für die Zusammenhänge zwischen ihrer Biographie, ihren Einstellungen und ihrem Handeln zu vermitteln.
Schon allein die Erkenntnis, dass der Hass auf andere nicht mit dem Anderen, sondern mit ihrer eigenen Geschichte zusammenhängt, ist ein Verunsicherungsfaktor, der viel auslösen kann. In unserem Training werden die Jugendlichen – oft erstmals und demütigungsfrei – an die Widersprüchlichkeiten ihres Denkens herangeführt. Jeder Mensch ist erreichbar, wenn er nicht das Gefühl hat, sich rechtfertigen zu müssen, oder aufgrund seiner Überzeugungen „bekämpft“ zu werden. Akzeptierende Jugendarbeit bedeutet nicht, Gewalt oder Extremismus zu akzeptieren, sondern zu akzeptieren, dass der Jugendliche ein Gewalt- und Extremismusproblem hat. Verantwortungspädagogik® bedeutet, als TrainerIn Verantwortung dafür zu übernehmen, dass diese Jugendlichen es lernen, ihrerseits für sich selbst und und ihr Tun Verantwortung zu übernehmen.




